Die Päpste und der Glaube.

Wie Päpste "gemacht" wurden.


"In Windeseile verbreitete sich die Nachricht, Papst Eugen IV. (15. Jahrh.), der zweihundertvierte Stellvertreter auf dem Stuhle Petri, habe das Zeitliche gesegnet und ein Mann heiligen Standes namens Pius II. habe die Nachfolge agetreten.

Es gab keinen Grund, an dieser Nachricht zu zweifeln, weil der neue Papst - ein, wie es hieß, tatkräftiger Jüngling - bereits Ablaßbriefe in lateinischer Sprache verkaufte, welche dem frommen Erwerber den Nachlaß der Sünden und ewige Glückseligkeit verhießen und reißenden Absatz fanden.

Jedenfalls hatten zehntausend Ablaßbriefe den Weg zu reuigen Sündern gefunden, noch bevor Gelasius von Bologna, einer der Kardinäle, die allein berechtigt waren, einen neuen Papst zu wählen, Protest einlegte, weil man ihn offensichtlich bei der Einladung zum Konklave übergangen hatte.

Am nächsten Tag, als der Bologneser Protest im Vatikan eintraf, wurde während des Angelus auf Papst Eugen - dem die Gerüchte um sein Ableben bis dahin verborgen geblieben waren - ein Attentat verübt.

Zwei als Gardisten verkleidedete Meuchelmörder versuchten den betenden Papst zu erdolchen, doch das Unternehmen scheiterte am päpstlichen Unterhemd, welches, aus fingerdickem Filz gefertigt, Seiner Heiligkeit zur Selbstkasteiung diente.

Die beiden Attentäer wurden überwältigt und noch in derselben Nacht enthauptet.

Und weil sie bis zuletzt beharrlich schwiegen, blieb die Urheberschaft des Komplotts geheim.

Wenn es auch dem Urheber der neuen Ablaßbiefe nicht gelungen war, Papst zu werden, so hatten ihn diese vielen Briefe doch reich gemacht.

Jene Frommen aber, die sich für viel Geld die Hoffnung auf das ewige Leben erkauft hatten, weigerten sich zur Kenntnis zu nehmen, daß Papst Eugen noch lebte.

Schließlich hatten sie es schriftlich und in lateinischer Sprache, einer Sprache, in der bekannterweise nur heilige und absolut wahre Dinge verbreitet wurden.

Für sie hieß der Papst Pius II.

Pikanterweise gab es zu der Zeit noch einen dritten Papst.

Er hieß Felix V. und war immerhin vom Baseler Konzil zum Papst gewählt und sogar gekrönt worden.

Er residierte in Savoyen, wo er bis zu seiner Abdankung als Herzog residiert hatte.

Und natürlich trugen all diese Kapriolen nicht zur Stärkung des Papsttums bei.

Da halfen weder Acht, noch Bann.

Noch siebentägige Gebete, die Papst Eugen gegen seine Widersacher anordnete.

Der Urheber der neuen Ablaßbriefe hielt es für angemessen, nach dem gescheiterten Attentat unterzutauchen."


Aus: Der Spiegelmacher. Ph. Vandenberg, Lübbe 1998.
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